Sternschnuppen im April 2026: wann und wo beobachten
Was sind die Lyriden – und warum lohnt sich 2026 besonders
Jeden April kreuzt die Erde auf ihrer Umlaufbahn einen riesigen Staubschweif, den der Komet Thatcher hinterlassen hat. Dieser Schweif besteht aus winzigen Teilchen – von sandkorngroß bis erbsengroß. Wenn ein solches Teilchen mit 49 km pro Sekunde in die Erdatmosphäre eindringt, erhitzt es sich durch Luftreibung und verglüht in rund 100 Kilometern Höhe. Vom Boden aus sehen wir das als kurzen hellen Lichtblitz am Himmel – die sogenannte Sternschnuppe.
Im Schweif schweben Millionen solcher Teilchen, und wenn die Erde durch den dichtesten Bereich fliegt, lassen sich in einer einzigen Nacht Dutzende Meteore beobachten. Diesen jährlichen Strom nennt man Lyriden. In 2026 fällt der dichteste Bereich auf die Nacht vom 22. auf den 23. April – das ist der Höhepunkt, für den sich eine gezielte Beobachtung lohnt.
Ein weiterer Grund, genau 2026 zu wählen: In dieser Nacht stört der Mond kaum, der Himmel wird so dunkel wie selten. Dazu mehr weiter unten – zunächst das Wichtigste in Kürze:
Raus in der Nacht vom 22. auf den 23. April, bestes Zeitfenster: ab 01:00 Uhr bis zur Morgendämmerung nach deiner Ortszeit. Mindestens 50–70 km von der Stadt entfernt aufhalten, auf den Rücken legen und den Blick locker über den gesamten Himmel schweifen lassen – nicht auf einen Punkt starren. An einem wirklich dunklen Ort sind 15–20 Meteore pro Stunde realistisch, einige davon so hell wie Feuerwerk.
Wann rausgehen: Uhrzeiten nach Zeitzonen
Jeder Meteorstrom hat einen genauen Höhepunkt – den Moment, in dem die Erde den dichtesten Teil des Staubschweifs durchquert. Für 2026 berechnet die Internationale Meteor Organisation (IMO) diesen Zeitpunkt auf 19:00–20:00 Uhr UTC am 22. April. Was das für dich bedeutet, hängt davon ab, wo du dich befindest – an manchen Orten der Erde ist es zu diesem Zeitpunkt noch hell, an anderen bereits tiefe Nacht.
Unten die genauen Peakzeiten für wichtige Städte. Wer woanders lebt, orientiert sich an der nächstgelegenen Zeitzone aus dieser Tabelle.
Das Wichtigste zur Uhrzeit: Du musst nicht genau im Peakmoment draußen sein. Die Lyriden haben eine breite Aktivitätsphase, starke Meteorschwärme sind mehrere Stunden um den Höhepunkt herum zu sehen – also die gesamte Nacht vom 22. auf den 23. April. Außerdem ist die Nacht vom 21. auf den 22. April fast genauso aktiv wie die Hauptnacht. Das ist praktisch: Wenn du in der Hauptnacht Bewölkung hast oder es nicht schaffst rauszufahren, bietet die Folgenacht in etwa die gleiche Meteorzahl.
Das beste Beobachtungsfenster liegt in jedem Fall zwischen 01:00 Uhr und der Morgendämmerung. Vor Mitternacht sind Meteore schwerer zu sehen – aus einem einfachen Grund: Die Erde bewegt sich auf ihrer Bahn, und abends befinden wir uns auf der „Rückseite” des Planeten relativ zum Meteorstrom. Nur die schnellsten Teilchen holen uns ein. Nach Mitternacht dreht sich die Erde dem Strom entgegen, und die Meteore prallen förmlich in die Atmosphäre – ähnlich wie Regen auf eine Windschutzscheibe. Um 3 Uhr morgens sind deshalb zwei- bis dreimal so viele Meteore am Himmel wie um 22 Uhr.
Wohin schauen: Wega finden und nicht irren
Das häufigste Problem für Einsteiger: Man weiß nicht, in welchen Teil des Himmels man schauen soll. Hier eine Schritt-für-Schritt-Erklärung.
Jeder Meteorstrom hat einen sogenannten Radianten – einen Punkt am Himmel, von dem aus alle Meteore scheinbar auseinanderfliegen. Stell dir ein Feuerwerk vor: Die Funken fliegen von einem zentralen Blitz nach allen Seiten – genau so funktioniert der Radiant. Bei den Lyriden liegt er nahe dem Stern Wega, an der Grenze zwischen dem Sternbild Leier und dem Herkules. Daher kommt der Name des Stroms.
Wega ist einer der hellsten Sterne des gesamten Nordhimmels – selbst wer sich nie mit Astronomie beschäftigt hat, übersieht ihn kaum. Ein bläulich-weißer Stern, der auch durch Lichtverschmutzung in der Stadt sichtbar ist. So findest du ihn:
- Am frühen Abend (21:00–22:00 Uhr): Blick nach Nordosten, etwa 30–40° über dem Horizont. Wega ist der hellste Stern in dieser Richtung.
- Nachts (01:00–03:00 Uhr): Wega steht bereits höher, fast im Osten.
- Vor der Morgendämmerung (04:00–05:00 Uhr): Wega steht fast senkrecht über dir, nahe am Zenit.
- Falls du unsicher bist: Öffne die App Stellarium oder SkySafari – einfach das Smartphone in den Himmel halten, und die App zeigt dir, wo Wega gerade steht.
Wichtig: Nicht direkt auf Wega starren. Das ist der klassische Anfängerfehler. Wenn ein Meteor genau auf dich zufliegt – also direkt beim Radianten erscheint – siehst du nur einen kurzen punktförmigen Blitz, der Bruchteil einer Sekunde. Fliegt der Meteor dagegen schräg zu dir, zieht er eine lange, schöne Leuchtspur quer über den halben Himmel.
Die richtige Technik: Blick 40–90° von Wega entfernt. Eine einfache Faustregel: Strecke den Arm aus und balle die Faust. Eine ausgestreckte Faust entspricht etwa 10° am Himmel. Vier Fäuste sind 40°. Schau auf einen Himmelsbereich, der vier bis fünf Fäuste weit von Wega entfernt liegt – in beliebiger Richtung. Die NASA empfiehlt 45° als optimalen Winkel.
Wer in Nordeuropa lebt – in Helsinki, Stockholm, Edinburgh oder Reykjavík – hat einen zusätzlichen Vorteil. Ab etwa 51° nördlicher Breite geht Wega überhaupt nicht mehr unter den Horizont. Sie ist die gesamte Nacht über sichtbar, und man kann Meteore buchstäblich vom Abend bis zum Morgen beobachten ohne Unterbrechung.
Warum 2026 ein gutes Jahr ist: der Mond im Detail
Der größte Feind eines Meteorstroms ist ein heller Mond am Himmel. Bei Vollmond oder kurz davor erhellt sein Licht den Himmel ähnlich stark wie eine Straßenlaterne. Schwache Meteore verschwinden dabei einfach – das menschliche Auge erkennt sie nicht mehr. Übrig bleiben nur die hellsten Feuerkugeln, also fünf- bis zehnmal weniger Meteore als bei dunklem Himmel.
In 2026 passt die Mondphase so gut wie seit Jahren nicht mehr. Schau selbst:
- Neumond: 17. April 2026. Das heißt: Fünf Tage vor dem Höhepunkt ist der Mond vom Himmel verschwunden.
- In der Höhepunktnacht ist der Mond eine schmale zunehmende Sichel mit gerade mal 27–28 % Beleuchtung.
- Die Sichel geht zwischen 00:15 und 02:00 Uhr Ortszeit unter – also genau dann, wenn das beste Beobachtungsfenster beginnt, ist der Mond bereits weg.
- Erstes Viertel erst am 24. April, nachdem der Höhepunkt längst vorbei ist.
Was das in der Praxis bedeutet: Von Mitternacht bis zur Morgendämmerung – also genau in der produktivsten Beobachtungszeit – ist kein Mond am Himmel. Der Himmel ist vollständig dunkel, und du siehst nicht nur die großen hellen Feuerkugeln, sondern auch schwache Meteore, die in einem normalen Jahr einfach im Mondlicht untergehen würden. Die IMO stuft die Lyriden 2026 offiziell als Strom mit „null Mondstörung” ein – diese Bewertung vergibt der Kalender nicht jedes Jahr. Die nächste ähnlich günstige Konstellation kommt erst um 2030.
Wo beobachten: so findest du den richtigen Standort
Das Grundprinzip ist einfach: Je weiter weg von Stadtlicht, desto mehr Meteore siehst du. Der Unterschied ist enorm. Laut der American Meteor Society (AMS) sehen die konkreten Zahlen so aus:
- Im Zentrum von London, Paris, Berlin oder Madrid – bestenfalls 2–4 Meteore pro Stunde. Lichtverschmutzung schluckt den Rest.
- Im Vorort, 20–30 km vom Zentrum – bereits 6–8 Meteore pro Stunde. Deutlich besser, aber die Hälfte geht trotzdem verloren.
- Auf dem Land, 80–100 km von einer Großstadt – 10–15 Meteore pro Stunde. Das ist bereits echtes Beobachten.
- An einem echten Dunkelstandort, der gezielt vor Lichtverschmutzung geschützt wird – 18–22 Meteore pro Stunde. Das ist das Maximum, was in 2026 überhaupt möglich ist.
Solche geschützten Orte nennt man Dark Sky Parks. Das sind Gebiete, in denen lokale Behörden helle Beleuchtung verboten haben, um den natürlichen Nachthimmel für die Astronomie zu erhalten. Die Tabelle unten zeigt die besten davon für die Nordhalbkugel. Die Spalte „Bortle-Skala” zeigt, wie dunkel der Himmel ist (1 = ideal wie auf offener See, 9 = Großstadtzentrum).
| Ort | Land | Bortle | Anreise |
|---|---|---|---|
| Northumberland | Großbritannien | 2 | Größter Dark Sky Park Europas, 3 Stunden mit dem Auto von Newcastle |
| Galloway Forest | Schottland | 2–3 | Erster offizieller Dark Sky Park Europas |
| Eifel | Deutschland | 3 | 2 Stunden mit dem Auto von Frankfurt oder Köln |
| Pic du Midi | Frankreich | 2 | Observatorium in den Pyrenäen auf 2.877 m Höhe |
| Zselic | Ungarn | 3 | 180 km von Budapest |
| Negev-Wüste | Israel | 2 | Umgebung von Mitzpe Ramon, 2,5 Stunden von Tel Aviv |
| Sinai, Santa Katarina | Ägypten | 2 | 1.600 m ü. M., 3 Stunden von Sharm el-Sheikh |
| Mont-Mégantic | Kanada | 2 | Erste Dark Sky Reserve der Welt, Québec |
| Ladakh, Leh | Indien | 2 | 3.500 m ü. M., im April nachts bis −10 °C |
| Gobi-Wüste | Mongolei | 1 | Dunkelster Himmel Asiens, aber schwer erreichbar |
Wer keinen Dark Sky Park ansteuern kann oder möchte, braucht sich keine Sorgen zu machen – auch eine einfache Fahrt ins Umland reicht. Faustregel: 80–100 Kilometer von jeder größeren Stadt in Richtung dünn besiedeltes Gebiet, und du hast bereits Bortle 4 – das genügt für eine vollwertige Lyridenbeobachtung. Orientierung: Im Umkreis von 30 Kilometern um deinen Standort sollte keine Stadt mit mehr als 20.000 Einwohnern liegen. Konkrete Gebiete in verschiedenen Ländern:
- Zentraleuropa: Pfälzerwald in Deutschland, Masuren in Polen, Südmähren in Tschechien, Burgenland in Österreich.
- Großbritannien: Yorkshire Dales, Exmoor, Lake District.
- Spanien: Extremadura, Teruel, La Mancha.
- Italien: Inland-Apulien, Basilikata, Abruzzen.
So beobachtest du richtig: praktische Anleitung
Nun zum Beobachten selbst. „Weit genug raus aus der Stadt und die Taschenlampe ausmachen” – das stimmt, ist aber nur die halbe Miete. Es gibt noch ein paar Kniffe, die für Einsteiger einen riesigen Unterschied machen – mit ihnen siehst du zwei- bis dreimal mehr Meteore als ohne.
1. Den Augen 20–30 Minuten Zeit geben, um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen
Die wichtigste Regel: In den ersten 30 Minuten nach der Ankunft nicht auf helle Bildschirme schauen. Das menschliche Auge schaltet im Dunkeln auf ein spezielles Nachtsehen um – aber das braucht Zeit. Direkt nach der Fahrt aus dem beleuchteten Auto sind die Augen noch „stadtmäßig” eingestellt und sehen nur die hellsten Sterne. Nach 20–30 Minuten adaptiert sich das Sehen, und du erkennst plötzlich zehnmal mehr Details am Himmel.
Ein einziger Blick auf den weißen Handybildschirm setzt diese Anpassung komplett zurück – und das Warten beginnt von vorn. Deshalb:
- Wenn du die Uhrzeit prüfen musst – aktiviere auf dem Handy den Rotfilter-Modus. Auf dem iPhone: Einstellungen → Bedienungshilfen → Anzeige und Textgröße → Farbfilter → Farbton Rot. Auf Android über „Roter Filter” in Apps wie Twilight.
- Wenn du eine Taschenlampe benutzt – unbedingt eine rote. Weißes Licht ist der Feind. Eine Stirnlampe mit rotem Modus gibt es in jedem Outdoor-Laden.
- Die Astronomie-Apps Stellarium und SkySafari haben einen eingebauten Rotmodus – vor dem Rausgehen aktivieren.
2. Unbedingt auf den Rücken legen
Im Stehen oder Sitzen hältst du keine 15 Minuten durch – der Nacken ermüdet, und du schaust nur noch einen Bruchteil des Himmels ab. Für viele Meteore brauchst du einen weiten Blickwinkel.
Die einzig vernünftige Option: Auf den Rücken legen und nach oben schauen. Nimm eine Isomatte, einen Liegestuhl oder auch einfach eine aufblasbare Luftmatratze mit. Im Liegen erfasst du gleichzeitig 150° Himmel und kannst eine Stunde am Stück ohne jede Anstrengung beobachten.
3. Nicht auf einen Punkt starren, sondern einen breiten Bereich scannen
Meteore erscheinen plötzlich und überall am Himmel – vorhersagen lässt sich das nicht. Wer sich auf einen festen Punkt konzentriert, verpasst den Großteil. Die richtige Technik: „weicher” Blick auf einen breiten Himmelsbereich, etwa 45° von Wega entfernt. Stell dir vor, du schaust „in etwa” auf ein großes Stück Himmel, nicht auf einen einzelnen Stern.
4. Wie lange sollte man beobachten?
Mindestens eine Stunde. Meteore kommen unregelmäßig – manchmal passiert 20 Minuten lang gar nichts, dann drei Stück in einer Minute. Wenn du 10 Minuten rausgehst und nichts siehst, bedeutet das gar nichts – du hast einfach eine Pause erwischt.
In der Praxis ist eine Beobachtungssession von 2–3 Stunden, von 01:00 bis 04:00 Uhr, mit einer kurzen Thermospause in der Mitte optimal. In diesen drei Stunden siehst du mehr als die Hälfte von dem, was die Nacht insgesamt bietet.
Warme Kleidung – mindestens 8–10 °C wärmer als du bei der entsprechenden Temperatur normalerweise angezogen wärst. Wer reglos auf dem Rücken liegt, kühlt schnell aus: Selbst wenn es abends +15 °C hatte, frierst du um 3 Uhr morgens. Isomatte oder Liegestuhl. Thermoskanne mit Tee oder Kaffee – verlängert die Ausdauer erheblich. Rote Taschenlampe. Proviant – Nüsse, Schokolade. Powerbank – in der Kälte entlädt sich das Smartphone in einer Stunde. Was du nicht brauchst: Fernglas und Teleskop. Für Meteore schadet Optik – ein Meteor durchquert einen Himmelsbereich schneller, als du das Fernglas ausrichten kannst.
Woher kommen die Lyriden: der Komet, der 2283 zurückkehrt
Jetzt etwas astronomische Geschichte hinter diesem Strom – viele finden sie faszinierend.
Alle Teilchen der Lyriden stammen von einem einzigen bestimmten Kometen. Er heißt C/1861 G1, oder Komet Thatcher. Entdeckt wurde er am 5. April 1861 vom Amerikaner A. E. Thatcher – einem Amateurastronomen, der von New York aus durch ein kleines Teleskop beobachtete (ein 11-cm-Refraktor, den man heute für ein paar Hundert Euro kaufen kann). Laut NASA JPL braucht dieser Komet 416 Jahre für einen vollständigen Umlauf um die Sonne.
Stell dir den Maßstab vor: Das letzte Mal war Komet Thatcher 1861 in Erdnähe – als in den USA der Bürgerkrieg tobte und Europa noch den Telegraphen mit Drähten betrieb. Das nächste Mal erscheint er etwa um das Jahr 2283. Den Kometen live zu sehen werden also nur Menschen, die heute noch nicht geboren sind – und das sind nicht unsere Kinder, sondern die Urenkel unserer Urenkel.
Der Staubschweif, den er bei früheren Vorbeiflügen im All hinterlassen hat, bleibt dort für Jahrtausende. Jedes Mal, wenn der Komet an der Sonne vorbeizog, lösten sich kleine Eis- und Staubteilchen von ihm – das Sonnenlicht verdampfte die Kometenoberfläche, und diese Teilchen verteilten sich entlang seiner Bahn. Schon 1867 berechnete der österreichische Astronom Edmond Weiss, dass die Bahn des Kometen Thatcher nur 300.000 Kilometer an der Erdbahn vorbeiführt – nach kosmischen Maßstäben buchstäblich ein Haaresbreite. Und jeden April kreuzt unser Planet diesen Staubstreifen.
Eine Besonderheit der Lyriden: Im Strom gibt es ungewöhnlich große Teilchen, bis zu einem Meter im Durchmesser. Normalerweise sind Meteore Sandkorn-kleine Bröckchen, aber eine Studie von Martin Beech (Monthly Notices of the Royal Astronomical Society, 1999) zeigt, dass ein Teil der Meteoroide im Lyriden-Strom deutlich größer ist als üblich. Das bedeutet: Der Kometenkern ist in der Vergangenheit teilweise zerbrochen, und jetzt fliegen neben feinem Staub auch größere Brocken durch den Schweif. Genau deshalb sind die Lyriden für ihre hellen Feuerkugeln bekannt – Aufleuchten, die heller als die Venus sind und einen leuchtenden Rauchschweif für mehrere Sekunden hinterlassen. Eine solche Feuerkugel zu sehen ist eines der stärksten Erlebnisse bei der Meteorstrom-Beobachtung.
Der älteste dokumentierte Sternschnuppenregen: Aufzeichnungen vor 2.700 Jahren
Noch ein Fakt über die Lyriden, den man kaum irgendwo findet. Das ist der älteste dokumentarisch belegte Meteorstrom der Menschheitsgeschichte. Die NASA datiert die früheste bekannte Beobachtung auf vor 2.700 Jahren.
Die Quelle: die chinesische Chronik „Zuǒ zhuàn” (左傳), ein Kommentar zu den „Frühlings- und Herbstannalen”. Der Eintrag stammt vom 23. März 687 v. Chr., dem siebten Jahr der Herrschaft des Fürsten Zhuanggong im Reich Lu. In der Übersetzung aus Peter Jenniskens „Meteor Showers and their Parent Comets” (Cambridge, 2015) heißt es: „Nachts, im vierten Sommermonat, wurden die unbeweglichen Sterne unsichtbar; um Mitternacht fielen Sterne wie Regen.”
Das bedeutet: Die Meteore, die du in der Nacht vom 22. auf den 23. April 2026 sehen wirst, gehören zu demselben Strom, den chinesische Beobachter vor 2.700 Jahren sahen. Die Erde hat den Staubschweif des Kometen Thatcher seither schon Hunderte Male durchquert, und jeden April beobachten Menschen dasselbe Phänomen – nur wissen wir jetzt, woher es kommt.
Es gibt weitere alte Aufzeichnungen: eine chinesische Chronik über ein helles Schauspiel im Jahr 15 v. Chr., mögliche europäische Lyriden-Sichtungen in den Jahren 1095, 1096 und 1122, eine koreanische Aufzeichnung von 1136 – „viele Sterne flogen von Nordosten”. In der Überlieferung der australischen Ureinwohner des Volkes der Boorong sind die Lyriden mit dem großen Talegallus verbunden – einem Vogel, der mit Wega assoziiert wird und dessen Brutzeit genau in den April fällt.
Wann die Lyriden in der Vergangenheit „explodierten”
Normalerweise zeigen die Lyriden 15–20 Meteore pro Stunde bei dunklem Himmel. Aber alle paar Jahrzehnte kommt es zu einem abrupten Ausbruch, bei dem die Aktivität zehn- bis dreißigmal höher als normal ist. Bekannte Fälle:
- 1803, Virginia (USA) – der stärkste Ausbruch der gesamten Beobachtungsgeschichte. Etwa 700 Meteore pro Stunde. Die Bewohner Richmonds wurden durch das Läuten der Feuerglocke geweckt und sahen auf die Straße laufend, wie Meteore „von allen Punkten des Himmels wie Feuerwerk fielen”.
- 1922, Griechenland – der Astronom Henry Norris Russell verzeichnete 96 Meteore pro Stunde.
- 1945, Japan – Kojiro Komaki von der Japan Meteor Society zählte 112 Meteore in 67 Minuten.
- 1982, Florida und Colorado – etwa 90 Meteore pro Stunde.
Ursache dieser Ausbrüche ist Jupiter. Seine Schwerkraft schiebt periodisch einzelne „Ströme” des Staubschweifs direkt in die Erdbahn, und dann durchqueren wir einen dichteren Abschnitt. Nach Berechnungen von Wissenschaftlern (Modelle von Maslov, Sato und Lyytinen) wird der nächste starke Ausbruch etwa um 2042 erwartet. Das Jahr 2026 liegt also im normalen Bereich – aber mit selten guten Beobachtungsbedingungen durch den fehlenden Mond.
Was sonst noch am Frühlingshimmel interessant ist
Wenn die Lyriden dich begeistern und du weitermachen möchtest – April und Mai 2026 bieten noch einige weitere Möglichkeiten zur Meteorstrom-Beobachtung. Allerdings sind die meisten davon entweder schwächer als die Lyriden oder nur von der Südhalbkugel aus gut sichtbar. Hier der Überblick:
| Strom | Aktiv | Höhepunkt 2026 | Meteore/Stunde | Sichtbarkeit |
|---|---|---|---|---|
| Lyriden | 14.–30. April | 22.–23. April | 18–23 | Nordhalbkugel |
| Pi Puppiden | 15.–28. April | 23. April | unter 1 | Nur Südhalbkugel |
| Eta Aquariiden | 19. April – 28. Mai | 5.–6. Mai | 50–60 | Besser von der Südhalbkugel |
| Alpha Virginiden | März – Mai | diffus | unter 2 | Beide Halbkugeln |
Der interessanteste aus dieser Liste: Eta Aquariiden, Höhepunkt 5.–6. Mai. Dieser Strom stammt vom berühmten Halleyschen Kometen – dem, der alle 76 Jahre erscheint. Gewissermaßen sind die Eta Aquariiden „Verwandte” der Lyriden, denn auch sie kommen von einem Kometen. Die Meteore sind noch schneller – 65 km/s, bläulich-weißes Leuchten. Aber es gibt einen Haken: Dieser Strom bevorzugt die Südhalbkugel. Von Europa und anderen nördlichen Breiten steigt der Radiant kaum über den Horizont, und man sieht bestenfalls 5–8 Meteore pro Stunde. Wer sich aber Anfang Mai auf Bali, in Dubai, Kapstadt, Rio de Janeiro oder Sydney befindet, bekommt bei den Eta Aquariiden doppelt so viele Meteore wie bei den Lyriden vom gleichen Standort.
Die Pi Puppiden sind ein potenziell schöner Südstrom, aber ihre Aktivität 2026 wird nahezu null sein – das kann man also abhaken.
Häufige Fragen
Nein, Optik schadet bei Meteoren nur. Ein Fernglas verengt das Sichtfeld auf einen engen Kreis von 5–7°, während ein Meteor in einer Sekunde 20–30° überfliegt – bis du am Fokussierrad gedreht hast, ist alles vorbei. Schau mit bloßem Auge – so erfasst du einen großen Himmelsbereich auf einmal und siehst deutlich mehr.
Auf modernen Flaggschiffen (iPhone 15 Pro und neuer, Pixel 8 Pro, Galaxy S24 Ultra) – ja, über den Nachtmodus mit 10–30 Sekunden Belichtungszeit. Ein Stativ ist dabei Pflicht – freihand wird alles verwackelt. Die Kamera fängt helle Feuerkugeln ein, aber normale schwache Meteore nicht – dafür braucht man eine Vollformatkamera. Für qualitativ gute Meteorfotografie ist eine Vollformat-Spiegelreflex- oder spiegellose Kamera mit Weitwinkelobjektiv (14–24 mm, f/2.8), 15–20 Sekunden Belichtungszeit und ISO 3200 nötig.
Eine normale Wettervorhersage taugt hier kaum – man braucht eine spezielle Wolkenprognose. Die drei besten Dienste: Ventusky (Schicht „Bewölkung”), Windy (detaillierte Prognose nach Wolkenhöhen), Clear Outside (speziell für Astronomen, zeigt Atmosphärentransparenz). 48 Stunden vor dem Termin lassen sich mehrere Standorte im Umkreis von 200 km vergleichen und der Punkt mit der geringsten Bewölkung auswählen.
Kaum. Der Radiant der Lyriden liegt im nördlichen Him
· Ehemaliger Geologe aus Krakau, bereiste 61 Länder mit dem Motorrad